Sie haben mich immer nur „Müllmädchen“ gerufen
Ich heiße Kalyani. Aber alle haben mich immer nur „Müllmädchen“ gerufen. Ja, es stimmt, ich sammle Müll, schon seit ich ein kleines Mädchen war. Meine Eltern auch. Das ist eben unser Beruf. Ich finde, das ist nichts, wofür ich mich schämen muss. Diese Riesenstadt Hyderabad würde doch ohne uns gar nicht funktionieren. Und trotzdem sind wir „unsichtbar“ oder werden beschimpft.
Meine Eltern sind vor ungefähr 25 Jahren von Ananthapur hierher gekommen, weil sie dort keine Arbeit mehr fanden. Seitdem lebt meine Familie vom Müllsammeln. Von klein auf mussten meine ältere Schwester, mein kleiner Bruder und ich mitarbeiten. Morgens um vier Uhr stand ich auf, sammelte Müll bis um acht. Dann lief ich zwei Kilometer bis zur Schule. Ich kam immer zu spät. Aber die Lehrer wussten Bescheid und haben das akzeptiert. Ich kam immer ohne Frühstück an. Das Mittagessen in der Schule war meine erste Mahlzeit.
Das war aber nicht das Schlimmste. Die Kinder nannten mich immer nur „Müllmädchen“. Das hat mich tief verletzt. Ich hab‘ dann angefangen, ganz für mich allein zu bleiben, alleine zu essen, zu meiner Bank zu gehen und mich auf den Unterricht zu konzentrieren und danach sofort nach Hause zu laufen. Das mach‘ ich auch heute noch so, obwohl ich jetzt schon zwanzig bin und studiere.
An meinem Tagesablauf hat sich kaum etwas geändert. Noch immer bin ich früh morgens zum Müllsammeln unterwegs. Inzwischen hat die Stadtverwaltung den Müllsammlern allerdings Fahrzeuge zu sehr günstigen Konditionen verkauft. Das erleichtert vieles. Wenn ich nachmittags nach Hause komme, dann geht’s gleich zum Müllplatz. Hier laden wir die frühmorgens in 300 Haushalten gesammelten Müllsäcke ab, schütten sie aus und suchen alles Plastikmaterial heraus. Das ist schon manchmal gefährlich. Da sind spitze Gegenstände und Scherben dabei. Erst gestern hat mein Bruder sich an einer Flasche mit Säure verletzt. Manchmal sind die Teile auch so schwer, dass ich sie kaum tragen kann. Aber es ist wichtig, dass wir die Plastikteile raussuchen, denn für die bekommen wir noch ein wenig Geld. Alles andere laden wir dann wieder auf den Wagen und bringen es zur Restmüllkippe.
Wir räumen den Leuten den Müll weg, aber sie haben keinen Respekt für uns. Oft zahlen sie viel zu spät oder gar nicht. Dabei sind‘s nur 1.000 Rupien (ca. 10 Euro) pro Monat.
Als ich in der 8. Klasse war, kam ich in Kontakt mit Hyma, einer Mitarbeiterin vom Montfort Social Institute. Das war der Wendepunkt in meinem Leben. Ich hörte von den Kinderparlamenten und durfte teilnehmen. Ich war begeistert und brachte mich immer mehr ein.
Schließlich wurde ich sogar zur Sprecherin aller Kinderparlamente von Hyderabad ernannt. Ich, die ich so lange nur „das Müllmädchen“ gewesen war, wurde zu jemandem, der Treffen organisierte und vielen Kindern eine Stimme gab. So habe ich z.B. der Schulbehörde geschildert, dass sehr viele Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen und sich dann nur schwer auf den Unterricht konzentrieren können. Wir haben es tatsächlich geschafft, dass in ganz Hyderabad an staatlichen Schulen nicht nur die Mittagsmahlzeit, sondern auch ein Frühstück ausgegeben wird. Das war ein unglaublicher Erfolg!
Früher war ich sehr schüchtern, doch ich habe immer mehr Selbstvertrauen gewonnen. Jetzt studiere ich sogar und schließe in zwei Jahren meinen Bachelor ab. Dann will ich noch den Masterabschluss machen. Außerdem habe ich schon einen konkreten Business-Plan: DIGITAL FOOD BUSINESS soll es werden. Zuhause werde ich köstliches Essen vorbereiten, welches online bestellt wird. Dann wird es zur Kundschaft geliefert.
Eines steht fest: Heiraten will ich nie! Meine Mutter wurde mit zwölf Jahren verheiratet. Ich bin jetzt schon zwanzig und werde auch weiter durchsetzen, mein eigenes Leben zu führen. Ich brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun und wen ich bedienen soll!
Mein größter Wunsch ist einfach zu beschreiben: WÜRDE! Ich möchte, dass kein Kind mehr „Müllmädchen“ oder „Mülljunge“ genannt wird, dass alle mit ihrem Namen angesprochen werden. Ich will, dass alle ohne Angst zur Schule gehen können, dass sie genug zu essen haben und ein Leben ohne Erniedrigung führen können.
Ich sammle immer noch Müll. Ich weiß immer noch, was es heißt zu kämpfen. Aber heute stehe ich aufrecht und mit Selbstvertrauen da. Ich spreche ohne Angst, egal vor wem. Und ich glaube, dass Veränderung möglich ist!
Gemeinsam mit dem Montfort Social Institut stärken wir in Hyderabad und anderen Städten Menschen, die ganz besonders benachteiligt sind: diejenigen, die vom Müllsammeln leben, Transgender und Hausangestellte. Gerade die Kinder sollen eine Chance erhalten, ihre Talente zu entfalten. Hier spielen die Kinderparlamente eine wesentliche Rolle.
Für das Projektjahr 2026 haben wir hierfür 739 Euro für jeden der 20 Slums bewilligt. Damit Mädchen wie Kalyani eine Chance erhalten – machen Sie mit unter dem Stichwort Bildung.

Kalyani ist kürzlich gestürzt, hat sich eine Kopfverletzung zugezogen. Deshalb trägt sie noch die Mütze. Zum Glück geht es ihr wieder gut.

Upcycling: alte Flaschen fantasievoll dekoriert, eine weitere kleine Einkommensquelle

Das Müllauto und der Müllplatz prägen Kalyanis Leben.
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