Von Tiktok und Instagram bis zu Gaming und YouTube: Auch Jahre nach Ende der Corona-Krise haben noch immer sehr viele Teenager in Deutschland ein besorgniserregendes Verhältnis zu digitalen Medien. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hervor. «Hier kommt ein Tsunami an Suchtstörungen bei Jugendlichen auf uns zu, den wir aus meiner Sicht völlig unzureichend würdigen», sagte Prof. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) vom UKE. Der Untersuchung zufolge zeigen mehr als ein Viertel aller 10- bis 17-Jährigen eine riskante oder krankhafte Nutzung sozialer Medien, 4,7 Prozent gelten sogar als süchtig. «Die Werte mit Blick auf problematischen Mediengebrauch liegen um das Fünf- bis Fünfzigfache höher als bei riskantem Cannabis- oder Alkoholkonsum in dieser Altersgruppe», sagte Thomasius der Deutschen Presse-Agentur. Zwar wirke Mediennutzung im Gegensatz zu Alkohol oder Cannabis lediglich indirekt auf das zentrale Nervensystem ein, doch die Effekte auf das Belohnungssystem im Gehirn seien dieselben. In beiden Fällen bestehe die Suchtgefahr, «dass immer mehr desselben gesucht wird und es zu einem Kontrollverlust kommt», erklärte Thomasius. «Die enorme zeitliche Beanspruchung durch die Mediennutzung führt dann dazu, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden.» Ein Kontrollverlust über das eigene Medienverhalten könne gravierende Auswirkungen auf das Leben Jugendlicher haben. In vielen Fällen komme es zu Leistungseinbrüchen in der Schule, nicht selten bis hin zum Schulversagen. Hinzu kämen soziale Isolation, der Verlust von Freizeitinteressen und familiäre Konflikte. Besonders betroffen sind laut der Studie Jungen: 6 Prozent von ihnen erfüllen die Kriterien einer krankhaften Mediennutzung, während es bei den Mädchen mit 3,2 Prozent rund halb so viele sind. Mädchen verfügten in der Pubertät häufig über ausgeprägtere soziale Kompetenzen, sagte Thomasius. Sie seien ihrer Geschlechterrolle entsprechend anders sozialisiert und isolierten sich seltener als Jungen – ein wichtiges Merkmal starker Suchtentwicklung. Die Abgrenzung zwischen riskanter und krankhafter Mediennutzung sei nicht immer eindeutig, so Thomasius. «Ein typisches Frühsymptom ist der Leistungsknick in der Schule und nachlassendes Interesse am Unterricht.» Allerdings könne hinter solchen Auffälligkeiten auch eine pubertäre Krise stehen oder emotionale Belastungen, die aus Stress unter Schulfreunden resultierten. Als krankhaft gilt die Nutzung spätestens dann, wenn die Symptome über mindestens zwölf Monate hinweg anhalten. Die Studie verwendet bewusst das Zwölf-Monats-Kriterium, um vorschnelle Diagnosen zu vermeiden und eine Abgrenzung zu vorübergehenden Krisen in der Pubertät zu gewährleisten. Trotzdem betonte Thomasius, dass Eltern bereits deutlich früher, bei riskanter Nutzung eingreifen sollten. Hier komme es entscheidend auf das Gespür der Eltern an und auf eine gute Eltern-Kind-Beziehung. Neben einer konsequenten zeitlichen und inhaltlichen Regulierung der Mediennutzung sei es besonders wichtig, dass Eltern Interesse an den Online-Aktivitäten ihrer Kinder zeigen, so der Experte. «Sie sollen anleiten. Sie sollen gute Mentoren und Moderatoren sein.» Allerdings zeigt die Studie auch, dass viele Eltern mit der Medienerziehung überfordert sind. Die Anforderungen für eine gute Medienerziehung der Kinder seien ausgesprochen hoch, sagte Thomasius. Es brauche sowohl eigene Medienkompetenz als auch ein hohes Maß an erzieherischer Konsequenz. «Das ist ein zeitaufwendiger Prozess, der Geduld und einen Wissensvorsprung gegenüber den eigenen Kindern erfordert – gerade bei der Einschätzung medialer Gefahren», so Thomasius. Viele Eltern würden diesen Anforderungen nicht gerecht: Etwa 40 Prozent von ihnen kümmern sich laut Studie nicht hinreichend darum, die Mediennutzung der eigenen Kinder zeitlich einzuschränken. Ein Viertel der Eltern moderiere die Inhalte nicht, welche die eigenen Kinder im Netz aufsuchen. «Das ist ja eigentlich ein erschreckender Befund.»Deutlich höhere Raten als bei Alkohol oder Cannabis
Symptome und Folgen der Mediensucht
Fließender Übergang zwischen riskanter und krankhafter Nutzung
Wie Eltern gegensteuern können
Viele Eltern überfordert
Bildnachweis: © Alicia Windzio/dpa
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Tiktok und Co: Wissenschaftler sorgen sich um Teenager
Mehr als ein Viertel aller 10- bis 17-Jährigen geht riskant oder krankhaft mit digitalen Medien um. Einer von 20 gilt als süchtig. Forscher sagen schon einen «Tsunami an Suchtstörungen» voraus.
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