15. Oktober 2025 / Aus aller Welt

«Einfach so sinnlos» - Erschütterung über Kinderleiche

Kerzenmeer, Tränen, Fassungslosigkeit: Nach dem Auffinden eines toten Kindes bei Güstrow suchen Menschen Halt – und Ermittler nach Antworten. Handelt es sich um den vermissten Fabian?

Jens-Peter Schulz, Pastor der Ev.-Luth. Pfarrgemeinde Güstrow, ist es ein Trost, dass die Menschen in Güstrow mit ihrer Trauer und Anteilnahme zusammenkommen.
Veröffentlicht am 15. Oktober 2025 um 17:51 Uhr

Unzählige Kerzen stehen neben Kuscheltieren und Blumen am Eingang der Pfarrkirche St. Marien. Hier im mecklenburgischen Güstrow bleiben immer wieder Menschen stehen, darunter auch Kinder, stellen Kerzen dazu, weinen, gehen weiter oder in die Kirche. «Unbegreiflich, einfach so sinnlos», sagt eine Frau mit gebrochener Stimme. Der Fund einer Kinderleiche nahe der Stadt erschüttert eine ganze Region. Es gilt als wahrscheinlich, dass es sich um den vermissten achtjährigen Fabian aus Güstrow handelt.

Julia Sibrins und David Zubke verlassen mit Tränen die Kirche. Sie sind extra aus Rostock gekommen, um ihre Anteilnahme zu zeigen. «Das nimmt einen einfach mit», sagt Zubke. Sie seien selbst keine Eltern, aber Sibrins erwartet im Februar einen Jungen, was schon deutlich zu sehen ist. «Es ist ein bisschen greifbarer», begründet Sibrins ihr Kommen. «Man ist eine außenstehende Person, aber wenn man hier vorsteht, davor und drinnen in der Kirche, dann ist das schon schlimm.» Innen steht vor dem Altar ein Foto Fabians, das ihn offenbar beim Backen zeigt.

Angehörige sehen sich nicht zur Identifikation imstande

Endgültige Gewissheit über den mutmaßlichen Tod Fabians gibt es unterdessen bislang nicht. Die Angehörigen hätten sich nicht imstande gesehen, die Leiche in Augenschein zu nehmen und zu identifizieren, sagte der Rostocker Staatsanwalt Harald Nowack. Die vorgebrachten Beweggründe seien nachvollziehbar. 

Nun solle ein DNA-Test Klarheit über die Identität des toten Kindes bringen. Die Ermittler waren schon am Dienstag davon ausgegangen, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den Achtjährigen handelt, der seit Freitag vermisst wurde. Nachdem Hundertschaften der Polizei tagelang vergeblich nach ihm gesucht hatten, entdeckte eine Spaziergängerin eine Kinderleiche etwa 15 Kilometer entfernt vom Wohnort des Grundschülers.

Hoffen auf Ermittlungsergebnisse

Laut Staatsanwaltschaft erfolgte am Mittwoch die Obduktion der Leiche. «Vom Ergebnis wird viel abhängen», sagte Nowack. Als besonders wichtig werden Hinweise zur Todesursache erachtet. Die Ermittlungen würden zunächst in sämtliche Richtungen geführt. «Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, die es gibt. Wir drehen jeden Stein um, wenn es sein muss, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit», versicherte Nowack. 

Am Mittwoch durchkämmten mehrere Dutzend Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei das erweiterte Umfeld des Fundortes «nach Gegenständen oder Spuren, wie auch immer, die da nicht hingehören», sagte eine Polizeisprecherin. Die Ermittler gehen von einer Straftat aus. Die Hintergründe sind bislang weitgehend unklar. Konkrete Verdachtsmomente gegen Personen gebe es bislang nicht, sagte Staatsanwalt Nowack.

Der Güstrower Bürgermeister hofft auf baldige Ermittlungsergebnisse. «Ich wünsche einfach und drücke da die Daumen, dass die Ermittlungsbehörden sehr schnell einen Ermittlungserfolg erzielen», sagt Sascha Zimmermann (FDP) der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist meine ganze Hoffnung auch, damit dann eine gewisse Ruhe in die Stadt einkehren kann.»

«Ein schreckliches Gefühl»

Fabian sei in der Stadt kein Unbekannter, «der nur zu Hause gesessen hat», sagte Zimmermann. Er sei als Spielpartner bekannt, habe beim Verein ETSV Güstrow Fußball gespielt und sei auch regelmäßig im örtlichen Jugendclub gewesen.

Zudem habe er bis zum Sommer den städtischen Hort besucht. «Das nimmt natürlich dann auch gerade die Kinder in der Stadtgesellschaft mit. Und wenn es Kinder mitnimmt, nimmt es auch deren Eltern mit.» Aber auch ohne den Jungen direkt oder indirekt zu kennen, sei es «ein schreckliches Gefühl», gerade, wenn man Kinder habe und mit den Eltern mitfühle.

Pastor: Menschen müssen irgendwo hin mit Trauer

Am Dienstagabend hatten im Rahmen eines Gottesdienstes Hunderte Menschen in der Pfarrkirche St. Marien getrauert und Anteil genommen. Es seien so viele Kerzen abgestellt worden, dass die Feuerwehr die brennenden Lichter habe auseinanderstellen müssen, sagte Pastor Jens-Peter Schulz. 

«Das hat hier noch keiner erlebt. Und da gibt es auch überhaupt keinen Fahrplan», sagt Schulz zur derzeitigen Situation. «Das waren ja nicht alles Christen, die hier waren, sondern das waren Leute, die einfach irgendwo hin müssen mit ihrer Trauer.» Dieses Bedürfnis ist auch am Mittwoch noch sichtbar groß. 

«Wo, wenn nicht hier, dass sich Menschen treffen und dann eben auch zusammen trauern», sagt Schulz. Gegenwärtig überlege man, die Öffnungszeiten der Kirche zu erweitern. Gegebenenfalls könnte die Gemeindepädagogin Kindern in der Kirche die Möglichkeit geben, zu basteln oder etwas aufzuschreiben. «Damit sie das loswerden. Das muss ja irgendwie raus.»


Bildnachweis: © Bernd Wüstneck/dpa
Copyright 2025, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Teil von SpaceX-Rakete könnte ungeplant auf Mond aufschlagen
Aus aller Welt

Vor rund vier Jahren war erstmals eine ungeplante Kollision eines Raketenteils mit dem Mond bekanntgeworden. Im August soll es Wissenschaftlern zufolge einen ähnlichen Vorfall geben.

weiterlesen...
Großer Waldbrand bei Madrid außer Kontrolle
Aus aller Welt

Nordöstlich von Madrid hat ein Waldbrand bei Guadalajara bereits Tausende Hektar verbrannt. Allein in einer Nacht fraßen sich die Flammen 14 Kilometer voran. Woanders gab es hingegen gute Nachrichten.

weiterlesen...
Tschechien bringt Handyverbot an Schulen auf den Weg
Aus aller Welt

Ab September 2027 sollen in Tschechien Smartphones und Smartwatches aus den Klassenzimmern verschwinden. Kritiker halten das für Populismus - und warnen vor Frust bei den Schülern.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Kurze Pause vor der nächsten Hitze - 36 Grad am Wochenende
Aus aller Welt

Am Samstag und Sonntag wird es in weiten Teilen Deutschlands wieder heiß. Und auch die nächste Woche bringt kaum Abkühlung.

weiterlesen...
Sächsische Schweiz nach Unwetter teilweise gesperrt
Aus aller Welt

Nach dem tödlichen Unwetter in der Sächsischen Schweiz dürfen Teile des Nationalparks nahe der berühmten Felsformation Bastei nicht betreten werden. Warum noch immer Lebensgefahr besteht.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Kurze Pause vor der nächsten Hitze - 36 Grad am Wochenende
Aus aller Welt

Am Samstag und Sonntag wird es in weiten Teilen Deutschlands wieder heiß. Und auch die nächste Woche bringt kaum Abkühlung.

weiterlesen...
Sächsische Schweiz nach Unwetter teilweise gesperrt
Aus aller Welt

Nach dem tödlichen Unwetter in der Sächsischen Schweiz dürfen Teile des Nationalparks nahe der berühmten Felsformation Bastei nicht betreten werden. Warum noch immer Lebensgefahr besteht.

weiterlesen...