20. Februar 2025 / Aus aller Welt

Schusswechsel an US-Grenze: Spur führt zu radikaler Gruppe

Schüsse in Vermont, eine sektenähnliche Gruppe, andere Verbrechen: Der Tod eines Beamten und einer deutschen Person bei einer Fahrzeugkontrolle entfaltet sich zu einem Fall voller bizarrer Wendungen.

An der US-Grenze zu Kanada hat eine bizarre Kriminalgeschichte ihren Anfang gefunden - der eigentlich gar nicht der Anfang war. (Archivbild)
Veröffentlicht am 20. Februar 2025 um 07:00 Uhr

Der Fall liest sich wie ein überdrehter Krimi: ein tödlicher Schusswechsel mit der US-Grenzpolizei, Tötungsverbrechen in mehreren Bundesstaaten und eine Verbindung zum baden-württembergischen Freiburg. Was zunächst wie das dramatische Ende einer Fahrzeugkontrolle aussieht, entpuppt sich als Teil einer Geschichte voller Verstrickungen und Wendungen. An deren vorläufigem Ende steht die Festnahme der mutmaßlichen Anführerin einer sektenähnlichen Gruppe: der «Zizians».

Aber der Reihe nach.

Ende Januar stoppen Beamte im Bundesstaat Vermont nahe der US-Grenze zu Kanada ein Fahrzeug. Die Insassen stehen laut Gerichtsdokumenten unter Beobachtung, nachdem ein besorgter Hotelangestellter die Polizei alarmiert – die beiden seien verdächtig gekleidet, die Frau bewaffnet.

Die Kontrolle eskaliert: Eine 21-Jährige eröffnet nach Behördenangaben das Feuer, die Polizei schießt zurück. Die zweite, 28 Jahre alte Person aus dem Auto, die laut Polizei ebenfalls eine Waffe zieht, und ein Grenzbeamter sterben bei dem Schusswechsel. Im Fahrzeug finden Ermittler Waffen und Kampfausrüstung.

Wurzeln in Baden-Württemberg

Schnell wird bekannt, dass die getötete Person aus dem Raum Freiburg stammt. Deutsche Behörden bestätigen dies gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, weitere Details bleiben zunächst aber aus. Anfangs ist in Berichten von einem Mann die Rede, doch laut Gerichtsdokumenten gibt die Person sich selbst einen weiblichen Namen.

In den folgenden Wochen setzen US-Medien - darunter der Sender NBC News und die «Washington Post» - anhand von Polizeiberichten und Gerichtsdokumenten Stück für Stück ein Puzzle zusammen, das es in sich hat. Amerikanische Behörden bringen den Vorfall nahe der Grenze mit mehreren Tötungsdelikten in verschiedenen Bundesstaaten in Verbindung. Das zentrale Bindeglied: eine sektenähnliche Gruppe namens «Zizians», deren Ursprünge Medienberichten zufolge im kalifornischen Berkeley liegen.

Radikalisierung in Berkeley

Die Organisation entsteht demnach 2012 in der Rationalisten-Szene der US-Westküste, einer losen Gemeinschaft von Intellektuellen, die sich vor allem mit Fragen über die Zukunft der Menschheit auseinandersetzt. Aus anfänglichen philosophischen Debatten über Veganismus, Transgender-Themen und Künstliche Intelligenz (KI) formt sich eine Splittergruppe mit zunehmend radikalen Zügen. Inwieweit sich die Gruppe im Laufe der Jahre von den ursprünglichen Idealen dieser Szene entfernt, ist unklar.

Zum mutmaßlichen Anführer entwickelt sich eine Person namens Ziz, die immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Laut NBC News zeigen sich auch Bekannte von Ziz besorgt über deren radikale Ideen. 2019 wird sie bei einem Protest mit drei Anhängern vorübergehend festgenommen. Was in den folgenden Jahren geschieht, fasst NBC News so zusammen: «Dann lief alles aus dem Ruder.»

Todesanzeige in Lokalzeitung

Im September 2022 erscheint eine Todesanzeige in einer Lokalzeitung im Bundesstaat Alaska: Eine Person mit demselben Geburtsnamen wie Ziz sei im August bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen. «Du hast Abenteuer, Freunde und Familie, Musik, Blaubeeren, Radfahren, Computerspiele und Tiere geliebt», steht dort. «Du wirst vermisst.» 

Wenige Monate später greifen drei Menschen im Bundesstaat Kalifornien den übereinstimmenden Medienberichten zufolge einen Vermieter mit einem Schwert an. Der Mann im hohen Rentenalter wird dabei so schwer verletzt, dass er auf einem Auge erblindet. Doch er wehrt sich in der Situation, zieht eine Waffe und erschießt eine der Angreiferinnen – eine Frau, die 2019 mit Ziz festgenommen worden war. Zwei weitere Personen werden angeklagt. Eine davon: ebenfalls eine frühere Mitstreiterin von Ziz.

Schüsse in Pennsylvania

An Silvester 2023 kommt es dann den Medienberichten zufolge im Bundesstaat Pennsylvania zu einem Tötungsdelikt: Ein Ehepaar wird in seinem Zuhause nahe der Stadt Philadelphia erschossen. Schnell gerät deren Tochter ins Visier der Ermittler – und wird später noch eine entscheidende Rolle spielen. Doch die Ermittlungen führen eher zufällig auch zu einer eigentlich Totgeglaubten.

Als die Polizei einen verdächtigen Mann in einem Hotelzimmer festnimmt, machen die Beamten eine unerwartete Entdeckung: Ziz sitzt vor ihnen. Sie wird erneut festgenommen und verbringt mehrere Monate in Haft. Doch in diesem Fall kommt es zu keiner Anklage – gegen niemanden. Ziz kommt wieder auf freien Fuß.

Mordanklage in Kalifornien

Die Monate vergehen. Dann, nur wenige Tage vor dem Vorfall nahe der Grenze, wird der Vermieter in Kalifornien getötet, der zuvor schwer verletzt worden war. Er hätte NBC News zufolge im April 2025 im Prozess gegen die noch inhaftierten Angreifer aussagen sollen. Ein junger Mann wird wegen Mordes angeklagt. Und hier schließt sich der Kreis: Der mutmaßliche Täter hat laut Medienberichten eine Verbindung zu der 21-Jährigen, die wenig später nahe der Grenze die Waffe zieht.

Langsam setzt sich für Ermittler und somit auch für US-Medien ein Bild zusammen. Ziz ist wieder im Fokus der Ermittler. Den vorläufigen Schlusspunkt findet die Geschichte laut US-Medien am vergangenen Wochenende im Bundesstaat Maryland. Ein Mann ruft die Polizei – drei Fremde hätten ihn gebeten, auf seinem Grundstück campen zu dürfen. Sie wirken verdächtig. Was er nicht ahnt: Diese drei sind Teil einer bizarren Kette von Ereignissen, die sich über mehrere Bundesstaaten erstreckt.

Festnahmen in Maryland

Die Polizei nimmt Ziz fest, ebenso den Mann, mit dem sie einst in einem Hotelzimmer gefunden wurde. Und schließlich die Frau, deren Eltern in Pennsylvania erschossen wurden. Laut Ermittlern spielte sie eine Rolle beim Kauf der Waffen, die nahe der Grenze zum Einsatz kamen.

Wie tief die Verstrickung der drei in die Verbrechen reicht, ob es übergeordnete ideologische Ziele gab oder es sich um eine Eskalation ohne klare Richtung handelte, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. All diese Fragen dürften nun Gegenstand intensiver Ermittlungen sein.


Bildnachweis: © Christinne Muschi/The Canadian Press/AP/dpa
Copyright 2025, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Sonnenfinsternis begeistert in Spanien und Deutschland
Aus aller Welt

Ausgebuchte Hotels, Straßensperrungen und ein Hype um Balkone: Ein spektakuläres Naturschauspiel versetzt Spanien in den Ausnahmezustand. Auch in Deutschland blicken Millionen gebannt zum Himmel.

weiterlesen...
Hurrikan «Lala» vor Hawaii: Zehntausende ohne Strom
Aus aller Welt

Hurrikan «Lala» zieht dicht an Big Island vorbei. Zehntausende sind ohne Strom, Straßen sind überflutet. Auch Maui und Oahu müssen sich auf Sturm und Starkregen einstellen.

weiterlesen...
Polizei-Mobil in Meckenheim
Mitteilung der Polizei

Kriminalpolizei berät vor Ort

weiterlesen...

Neueste Artikel

Reisebus umgestürzt: Tödliches Unglück in der Schweiz
Aus aller Welt

Ein Reisebus aus den Niederlanden mit knapp 50 Insassen stößt im Engadin gegen eine Leitplanke und kippt um. Was bisher über den Unfall bekannt ist - und warum die Polizei Details vorerst zurückhält.

weiterlesen...
Kino ohne Strom
Mitteilung der Stadt Meckenheim

Kamishibai-Lesung für Kinder in der Bücherbrücke am Standort Meckenheim

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Reisebus umgestürzt: Tödliches Unglück in der Schweiz
Aus aller Welt

Ein Reisebus aus den Niederlanden mit knapp 50 Insassen stößt im Engadin gegen eine Leitplanke und kippt um. Was bisher über den Unfall bekannt ist - und warum die Polizei Details vorerst zurückhält.

weiterlesen...
All You Need Is A Beatles Song: Wie Forscher Hits nutzen
Aus aller Welt

Beatles-Songs finden sich nicht nur in unzähligen Playlists, sondern auch in Tausenden Fachartikeln – von Long Covid bis Patentrecht. Warum Forscher auf Popkultur setzen.

weiterlesen...