30. Januar 2026 / Aus aller Welt

Wie sehr bestimmen unsere Gene, wie lange wir leben?

Prägen unsere Gene unsere Lebenserwartung viel stärker als angenommen? Eine Analyse deutet in diese Richtung – und doch lässt sich vieles beeinflussen.

Welche Rolle spielen Gene für die menschliche Lebensdauer? Diese Frage treibt die Altersforschung schon lange um.
Veröffentlicht am 30. Januar 2026 um 05:00 Uhr

Welche Rolle spielen die Gene für die Lebenserwartung eines Menschen? Diese Frage treibt die Altersforschung seit langem um. Eine im Fachjournal «Science» veröffentlichte Studie legt nun nahe: Die Rolle könnte deutlich größer sein als bislang angenommen. Nach neuen Analysen kommt ein Team vom Weizmann-Institut in Israel und anderen Forschungseinrichtungen zu dem Schluss: Wie lange man lebt, soll zu mehr als 50 Prozent erblich bedingt sein. Dieses Ergebnis geht deutlich über vorherige Schätzungen hinaus, denen zufolge der erbliche Anteil eher bei um die 20 bis 25 Prozent liegen sollte. 

So kamen in den 90er Jahren unter anderem die Wissenschaftlerin Anna Maria Herskind mit Kollegen nach Analysen einer Zwillingskohorte zu dem Schluss, dass die Lebenserwartung nur zu rund 22 Prozent erblich bedingt sein könnte. Andere Forscherinnen und Forscher berechneten sogar noch niedrigere Anteile. 

Wieso also nun die höhere Schätzung? 

Für die aktuelle Studie wertete das Team um Ben Shenhar Daten von verschiedenen, zwischen 1870 und 1935 geborenen, Zwillingskohorten aus und rechnete Todesfälle durch externe Faktoren systematisch heraus – also etwa Unfälle oder ansteckende Krankheiten. Sie bezeichnen diese als extrinsische Mortalität und unterscheiden sie von der intrinsischen Mortalität, also den erblichen Faktoren. Mit mathematischen Modellierungen kommen sie zu dem Ergebnis, der genetische Beitrag zur menschlichen Lebensspanne betrage rund 55 Prozent.

Das Forscherteam argumentiert, vorherige Studien hätten solche externen Todesursachen überschätzt beziehungsweise nicht richtig herausgerechnet. Dadurch sei der erbliche Anteil systematisch unterschätzt worden. Die neue Kalkulation für den Einfluss des Erbguts auf die menschliche Lebensdauer ähnele zudem Schätzungen für andere Spezies wie etwa Mäusen sowie auch der Erblichkeit anderer Persönlichkeitsmerkmale.

Nun also doch keinen Sport mehr machen? 

Stephan Getzmann vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund hält die Methodik der Studie für plausibel und gut begründet. «Es ist eine sehr raffinierte Idee, die extrinsische Mortalität herauszurechnen», sagt der Altersforscher im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der Befund sei sehr spannend. Auch die wie Getzmann nicht an der Studie beteiligten Altersforscher Steve Hoffmann vom Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena und Chiara Herzog vom King's College London bewerten die Methodik als geeignet, um den erblichen Anteil zu berechnen. 

«Die Modellierungen der Forscher:innen sowie die Validierung anhand realer Daten zeigen überzeugend, dass frühere Studien die Vererblichkeit der Lebensspanne unterschätzt haben», erklärt Herzog. «Die berichteten Werte einer Vererblichkeit der Lebensspanne von rund 50 Prozent sind zudem auch mit Ergebnissen aus Tiermodellen vereinbar, etwa aus Mausstudien. Eine Verdopplung gegenüber früheren Schätzungen erscheint daher plausibel.»

Heißt das nun also, man kann doch jeden Abend Chips essen, den Sport weglassen und auf die eigenen Gene hoffen? Nein, betont Getzmann. «Ob ich mit 80 noch fit bin, habe ich zu einem großen Teil selbst in der Hand.» Ziel sei es, resilientes Altern zu fördern und die Phase des Siechtums sehr kurz zu halten – und hierfür seien vor allem eine gesunde Lebensweise und Umweltfaktoren verantwortlich. Auch Hoffmann hält fest: «Die Ergebnisse dieser Arbeit werden mich definitiv nicht dazu bringen, wieder zu rauchen.»

Stoff für weitere Forschung

Nun müsse man noch jene genetischen Varianten identifizieren, die der jeweiligen Lebenserwartung zugrunde liegen, schreiben die Studienautoren. Dies würde der Wissenschaft helfen, die grundlegenden Mechanismen des menschlichen Alterns zu verstehen.


Bildnachweis: © Arne Dedert/dpa
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